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 Motiv: © Minerva Studio - Fotolia.com

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08.05.2015

"Land der Techniker und Ingenieure" - Den Aufholprozess endlich starten!

Standpunkt
Von Volker Giersch


„Wir werden das Land der Techniker und Ingenieure“ – dieses Ziel hat die Wirtschaftsministerin kürzlich in ihren industriepolitischen Leitsätzen formuliert. Gut so. Denn unsere Wirtschaft lebt mehr denn je von ihrer Ingenieurkunst. Gerade in den Kernbranchen unserer Industrie – im Fahrzeugbau, im Maschinenbau, in der Automatisierungstechnik und auch in der Stahlindustrie – ist der Erfindergeist der Ingenieure der Schlüssel zum Erfolg auf den Weltmärkten.

Und außer Frage steht auch, dass wir bei Zukunftsthemen wie „Industrie 4.0“ oder „autonomes Fahren“, die sich gleichfalls im Leitbild der Ministerin finden, nur punkten können, wenn unsere Industrie genug qualifizierte Ingenieure und Techniker findet. Denn es sind ihr Forscherdrang und ihre Kreativität, die technologische Entwicklungen vorantreiben. Insofern gilt dann auch: Wer die Innovationskraft unserer Industrie stärken will, muss zuallererst die Ingenieurausbildung an unseren Hochschulen stärken. Einen wichtigeren strategischen Ansatzpunkt gibt es nicht. Machen wir uns in diesem Sinne mit voller Kraft auf den Weg, ein Land der Techniker und Ingenieure zu werden.

Aktuell noch Schlusslicht

Dieser Weg erfordert freilich viel Mut, Ausdauer und Konsequenz. Denn das Ziel ist weit entfernt. Derzeit liegt unser Land bei der Ausbildung von Ingenieuren im Reigen der Bundesländer ganz hinten. Der Nachholbedarf ist entsprechend groß. Ein „Ländercheck“ des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft macht das auf erschreckende Weise deutlich. Die Fakten:
Ingenieure sind im Saarland seit Jahren besonders knapp. Auf einen arbeitslosen Ingenieur kommen hierzulande bereits mehr als zwei offene Stellen. Tendenz steigend!
An den Saar-Hochschulen sind nur sieben Prozent aller Absolventen Ingenieure, bundesweit sind es doppelt so viele.
Geradezu besorgniserregend sind die Trends der letzten Jahre: Während die Zahl der Ingenieurabsolventen bundesweit zwischen 2008 und 2013 um 46 Prozent stieg, in Berlin und Bayern sogar um 80 Prozent, fiel sie im Saarland um fast 20 Prozent. Damit bildet unser Land mit Abstand das Schlusslicht im Ländervergleich.
An den Saar-Hochschulen sind nur rund zehn Prozent der Lehrenden und Forscher an einer ingenieurwissenschaftlichen Fakultät beschäftigt. Ein schlechterer Wert, so der Stifterverband, findet sich nur in Schleswig-Holstein mit rund sieben Prozent. Zum Vergleich: Beim Spitzenreiter Sachsen liegt der Anteil des wissenschaftlichen Personals in den Technikfächern bei rund 27 Prozent.

Das Fazit des Stifterverbandes zum Ländercheck ist bezogen auf das Saarland mehr als deutlich: „Das Saarland erreicht bei den Indikatoren zum Stand und zur Entwicklung bei MINT-Studierenden die schlechteste Bewertung aller Bundesländer. Insbesondere die Ingenieurwissenschaften sind dafür verantwortlich.“

Steigender Ingenieurbedarf der Industrie

Dieser Befund wiegt umso schwerer, als die Nachfrage nach Ingenieuren im Trend weiter steigt: Eine gemeinsame Umfrage unserer IHK und der VSU hat ergeben, dass die Hälfte der Industrieunternehmen bereits heute große oder sogar sehr große Schwierigkeiten hat, Ingenieure mit Hochschulabschluss zu finden. Betroffen sind vor allem auch die kleinen und mittleren Unternehmen, die auf dem Arbeitsmarkt im Nachteil gegenüber großen Unternehmen mit klangvollen Namen sind.

In den kommenden Jahren wird die Nachfrage nach Ingenieuren weiter steigen. Deshalb schon, weil rund die Hälfte aller in der Industrie beschäftigten Ingenieure bis 2030 altersbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden wird. Der Ersatzbedarf der Unternehmen ist entsprechend groß. Verschärfend kommt hinzu, dass viele Industriebetriebe in den nächsten Jahren zusätzliche Stellen für Ingenieure schaffen wollen. Sie halten dies für notwendig, um ihre Innovationskraft weiter zu stärken und ihre Position auf den Weltmärkten dadurch zu festigen. Die Industrie benötigt dabei gleichermaßen Uni-Absolventen mit entsprechend starker grundlagenorientierter Ausbildung wie Fachhochschulabsolventen mit eher anwendungsorientiertem Profil.

Systems Engineering attraktiv ausstatten

Aus alledem folgt: Es besteht beim Thema Ingenieurausbildung – gerade auch mit Blick auf die Negativtrends der letzten Jahre – akuter Handlungsbedarf. Ein Industrieland, dem die Ingenieure ausgehen – das ist eine ökonomische Schreckensvision. Und eine Politik, die das hinnimmt statt energisch gegenzusteuern, stünde im eklatanten Widerspruch zum allseits proklamierten Ziel, die Innovationskraft der Wirtschaft zu stärken.

Zu der Negativentwicklung hat am aktuellen Rand gewiss auch beigetragen, dass die Uni-Leitung das Herzstück der Ingenieurwissenschaften – die Mechatronik – auf dem Sparaltar opfern wollte. Die Mechatronik solle auslaufen, wurde immer wieder verkündet – mit Hinweis darauf, dass es einen Mechatronik-Studiengang ja auch an der HTW gibt. Das stimmt zwar. Aber das inhaltliche Profil ist ebenso verschieden wie der wissenschaftliche Anspruch. Und wie gesagt: Eine Industrie, die mit Innovation punkten will, braucht gerade auch Entwicklungsingenieure mit Uni-Profil.

Vor diesem Hintergrund kann nicht verwundern, dass die Zahl der Mechatronik-Studenten an der Uni zuletzt weiter eingebrochen ist – vom Wintersemester 2013 zum Wintersemester 2014 um gut 30 Prozent. Inzwischen ist es – auch dank des Schulterschlusses zwischen den Ingenieur-Professoren und den Wirtschaftsorganisationen – gelungen, eine Wende hin zum Positiven zu erreichen: die Weiterentwicklung der Mechatronik zu einem zukunftsorientierten Studiengang „Systems Engineering“. Ein Studienprofil übrigens, das vorzüglich zum Thema Industrie 4.0 passt. Denn die Studenten sollen dort in einem interdisziplinären Ansatz lernen, komplexe technische Systeme zu verstehen und zu beherrschen.

Längst noch nicht gesichert ist freilich, ob dieser Studiengang finanziell und personell so ausgestattet wird, wie es nötig wäre, um ihn im Wettbewerb der Hochschulen aussichtsreich zu positionieren. Darauf aber kommt es an. Und hier sehen wir nicht nur die Uni, sondern auch die Landesregierung in der Verantwortung. Um es klar zu sagen: Die Stärkung der Ingenieurwissenschaften an unserer Uni, aber auch an der HTW, gehört mit Priorität in die anstehende Zielvereinbarung zwischen Landesregierung und Hochschulen. Nur so kann das politische Postulat, die Schwerpunkte unserer Hochschulen verstärkt am Bedarf des Landes auszurichten, verlässlich eingelöst werden.

Positiv ist ohne Frage, dass zwischen Uni und HTW eine Kooperationsplattform in den Ingenieurwissenschaften aufgebaut werden soll. Synergien zu nutzen und Durchlässigkeit zu verbessern ist wichtig. Aber eine solche Plattform trägt eben nur dann, wenn die entsprechenden Angebote der Forschung und Lehre an beiden Hochschulen die nötige Substanz haben. An der Uni ist das derzeit noch nicht der Fall.

Offensives Marketing für Ingenieurstudiengänge

In der Forschung hat das Saarland im Bereich „Innovative Produktionstechnik/Industrie 4.0“ inzwischen einiges zu bieten – das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) etwa und auch das industrienahe Zentrum für Mechatronik und Automatisierungstechnik (ZeMA). Das ist gut so. Denn in den Ingenieurwissenschaften gibt es hier im Land das wohl größte Potenzial für Technologietransfer. Richtig und wichtig ist es deshalb, die räumlichen Engpässe, die einer Erweiterung des ZeMA derzeit noch im Wege stehen, rasch zu beseitigen. Eine positive Grundsatzentscheidung ist inzwischen gefallen. Jetzt geht es um die zügige Umsetzung, damit zusätzliche Drittmittelprojekte eingeworben und zusätzliche Mitarbeiter eingestellt werden können, die unserer Industrie dann zeitversetzt als Entwicklungsingenieure zur Verfügung stehen. Die Zeit drängt. Denn das ZeMA liegt aktuell – gerade auch aufgrund des erfolgreichen Engagements der Uni-Mechatroniker - gut im „Markt“.

Die Probleme liegen freilich nicht nur auf der Angebotsseite. Zugleich müssen wir sicherstellen, dass sich genug junge Menschen für ein Ingenieurstudium im Saarland entscheiden. Denn was zählt, ist ja letztlich die Zahl der Absolventen. Gerade an der Uni hapert es in jüngster Zeit bei den Studienanfängern. Wenn mit Systems Engineering jetzt ein überzeugender Neustart gelingt, wird sich unsere IHK und mit ihr auch ME Saar offensiv beim Marketing für ein Ingenieurstudium im Land engagieren. Fakt ist: Die Karrierechancen für Ingenieure sind derzeit und auf absehbare Zeit ausgezeichnet. Und gerade auch für Mädchen bieten sich in den Ingenieurberufen attraktive, vielseitige und gut bezahlte Tätigkeitsfelder. Das überzeugend zu kommunizieren ist aus unserer Sicht eine gemeinsame Aufgabe von Hochschulen, Wirtschaftsorganisationen und Landespolitik. Hinzukommen müssen forcierte Anstrengungen, Kinder und Jugendliche bereits in den Schulen für Technik zu begeistern. Gute Ansatzpunkte dazu gibt es bereits. Aber mehr ist möglich und nötig.

Insgesamt brauchen wir im Saarland jetzt endlich ein ganzheitliches und schlüssiges Konzept zur Stärkung der Ingenieurausbildung – ein Konzept, das unser Land vom letzten Platz des Ingenieurrankings in überschaubarer Zeit auf einen Rang im Mittelfeld führt. Für ein Land, das neben Bayern und Baden-Württemberg zu den drei Bundesländern mit der höchsten Industriedichte zählt, wäre das dann immer noch kein Vorzeigeergebnis, aber zumindest eine strategische Orientierung, die dem industriepolitischen Leitbild des Landes die nötige Bodenhaftung verleihen würde. Nehmen wir das Ziel „Land der Techniker und Ingenieure“ also fest in den Fokus und starten jetzt zügig und kraftvoll den Aufholprozess.