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 Motiv: © alphaspirit - Fotolia.com

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Kennzahl: 17.11736
15.10.2015

Flüchtlinge rasch integrieren – Brücken in den Arbeitsmarkt bauen!

Standpunkt
Von Volker Giersch


Rund 12.000 Flüchtlinge in 2015 – das ist für uns im Saarland ganz ohne Frage eine immense politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderung. Deshalb zunächst, weil wir auf einen Zustrom dieser Dimension organisatorisch nicht vorbereitet waren und sind. Da ist schon beachtlich und zu Recht bundesweit anerkannt, was Innenminister Klaus Bouillon in kurzer Zeit auf die Beine gestellt hat. Und dies in einem Land, das einschließlich seiner Kommunen finanziell notleidend ist und große Schwierigkeiten hat, die für eine menschenwürdige Unterbringung und für eine erfolgreiche Integration notwendigen Mittel zu mobilisieren. Da ist es gut, dass der Bund inzwischen eine kräftige Aufstockung seiner Finanzhilfen für Asylbewerber beschlossen hat. Die Herausforderungen vor Ort bleiben dennoch riesig.

Der Zustrom der Flüchtlinge eröffnet zugleich aber auch beträchtliche Chancen – gerade für uns im Saarland. Denn er kann wesentlich dazu beitragen, dem Bevölkerungsrückgang und insbesondere auch dem drohenden Fachkräftemangel aussichtsreich entgegenzuwirken. Immerhin wird die Zahl der Saarländerinnen und Saarländer bis 2030 um fast zehn Prozent zurückgehen. So zumindest sagt es das Statistische Amt in seiner jüngsten Bevölkerungsprognose voraus.

Weitaus stärker noch wird der Rückgang der Erwerbsbevölkerung, sprich der Menschen zwischen 20 und 65 Jahren, ausfallen. In dieser Altersgruppe ist mit einem Minus von mehr als 20 Prozent zu rechnen. Die Folge: Jeder fünfte Arbeitsplatz in unserer Wirtschaft wird 2030 nicht mehr besetzt werden können, wenn wir nicht energisch gegensteuern. Und all unsere Berechnungen zeigen: Selbst allergrößte Anstrengungen, mehr Frauen für den Arbeitsmarkt zu gewinnen, Ältere länger zu beschäftigen, Abbrecherquoten in Studium und Ausbildung zurückzuführen, werden nicht ausreichen, die Fachkräftelücke zu schließen. Wir brauchen zugleich auch Zuwanderung von außen – und zwar über die Zahl von jährlich 1.100 hinaus, die in die Bevölkerungsprognose bereits eingeflossen ist.

Eine Aufgabe für uns alle


Mit Blick auf die Demografie war es gut und richtig, dass sich die Landesregierung und die gesellschaftlichen Gruppen bereits im Mai dieses Jahres mit einem gemeinsamen „Aktionsprogramm Zuwanderung“ offensiv positioniert und eine Reihe von Maßnahmen zur schnellen Integration der Flüchtlinge in Ausbildung und Beschäftigung beschlossen haben. Jetzt ist beherztes und kraftvolles Handeln angesagt, wobei klar sein sollte: Die Herausforderung ist nur zu meistern, wenn sich alle gesellschaftlichen Gruppen mit substanziellen Eigenbeiträgen einbringen. Unsere IHK hat das frühzeitig zugesagt und ein erstes Maßnahmenbündel beschlossen, das zum Teil bereits in der Umsetzung ist. Es umfasst im Wesentlichen:

Kurse zur Vermittlung von Sprachkenntnissen. Bei der Aufnahme einer Arbeitstätigkeit oder einer Ausbildung bietet die IHK den Unternehmen an, die Integration durch einen gezielten fachsprachlichen Unterricht zu ergänzen.

Die Ausbildung zusätzlicher Sprachmittler. Als Hilfe bei den erforderlichen Behörden- und Arztgängen erhalten Flüchtlinge Unterstützung durch Sprachmittler, die in der Regel die gleiche Muttersprache haben wie die Flüchtlinge. Bislang stehen deutlich zu wenig Sprachmittler zur Verfügung. Unsere IHK finanziert deshalb die Qualifizierung von zusätzlichen Sprachmittlern.

Seniorexperten als Paten. Wir wollen ehemalige Führungskräfte der Wirtschaft gewinnen, die jüngeren Flüchtlingen als „Paten“ helfen sollen, einen passenden Einstieg in Ausbildung und Beruf zu finden.

Erfassung der Kompetenzen. Zur besseren und schnelleren Erfassung der beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten der Flüchtlinge werden wir eine zusätzliche Stelle im Welcome Center von saar.is finanzieren. Zudem wollen wir den Flüchtlingen Angebote zur zügigen Nachqualifizierung unterbreiten.

Umfassende Informationen. In Veranstaltungen werden wir für die rasche Integration ausländischer Fachkräfte werben, Best-practice-Beispiele aufzeigen und gemeinsam mit Partnern und Experten Erfolgsfaktoren für die Integration ausländischer Fachkräfte aufzeigen.

Wir wissen natürlich, dass unser IHK-Beitrag nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist – ein erster Aufschlag unsererseits mit der klaren Botschaft, dass wir die Integration der Flüchtlinge als gesamtwirtschaftliche Aufgabe sehen. Klar ist, dass in den nächsten Wochen und Monaten weitere Beiträge der Wirtschaft und anderer gesellschaftlicher Gruppen folgen müssen.

Konzertierte Aktion der Wirtschaft


Mit diesem Ziel hat unsere IHK die Spitzen der saarländischen Wirtschaftsorganisationen eingeladen, gemeinsam zu sondieren, welche zusätzlichen Beiträge die Wirtschaft leisten kann und wie diese Beiträge wirksam koordiniert werden können. Zugleich bitten wir die Unternehmen, uns möglichst kurzfristig mitzuteilen, inwieweit sie Praktika, Ausbildungsplätze und Beschäftigungsmöglichkeiten für Flüchtlinge anbieten (s. Kolumne). Denn es liegt ja auf der Hand: Je rascher wir die Flüchtlinge in Beschäftigung bringen, desto besser und schneller werden sie sich auch in unsere Gesellschaft integrieren. Überdies können einige Unternehmen sicherlich auch bei der Bereitstellung von Unterkünften helfen. Es gibt also genug Ansatzpunkte, schon bald eine konzertierte Aktion der Wirtschaft zu starten.

Ein Blick auf die Fakten zeigt, dass die Chancen für eine erfolgreiche Integration der Flüchtlinge nicht schlecht sind: Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Serbien und dem Kosovo. Sie sind ganz überwiegend jung – zwischen 25 und 30 Jahren, männlich, reisen als Einzelperson ein und haben die Absicht, ihre Familien zu einem späteren Zeitpunkt nachkommen zu lassen. Vor allem die Syrer und Eritreer verfügen über ein relativ hohes Bildungs- bzw. Ausbildungsniveau. Nicht wenige von ihnen haben ein Studium abgeschlossen. Die Chancen, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sind entsprechend gut – deshalb auch, weil sie möglichst schnell Arbeit aufnehmen wollen.

Das Hauptproblem ist, dass die Mehrzahl der Flüchtlinge über keinerlei Deutsch-Kenntnisse verfügt. Die gezielte Vermittlung von allgemeinen und berufsbezogenen Sprachkenntnissen ist deshalb besonders wichtig. Und wir sollten damit so früh wie möglich beginnen, insbesondere bei Flüchtlingen mit positiver Bleibeperspektive.

Klar sein sollte überdies, dass sich die Flüchtlinge mit Blick auf ihre Qualifikation nicht eins zu eins in unseren Arbeitsmarkt integrieren lassen. In Dienstleistungsbereichen wie Gastronomie, Handel, Transportgewerbe oder in Teilbereichen des Gesundheitswesens ist das sicherlich noch am ehesten möglich – dann jedenfalls, wenn die Sprachkenntnisse ausreichen. In technikorientierten Industrieberufen eher weniger. Denn Syrien, Eritrea oder Afghanistan sind keine Industrieländer. Techniknahe berufliche Ausbildungen sind dort entsprechend rar. Und wenn es sie gibt, sind sie mit den Ausbildungsprofilen hier in Deutschland nur sehr begrenzt vergleichbar. Ergänzende Qualifizierungen sind deshalb wichtig und nötig.

Rechtliche Hürden weiter absenken


Als Hemmnis für die erfolgreiche Integration der Flüchtlinge erweist sich derzeit noch der aktuelle Rechtsrahmen. Die Dauer der Verfahren muss weiter deutlich verkürzt werden. Noch bestehende Hürden sind zügig abzubauen. Ein Problem ist unter anderem die Karenzzeit von drei Monaten, in denen Asylbewerber keine Arbeit aufnehmen dürfen. Die IHKs fordern deshalb, diese Frist auf einen Monat zu verkürzen.

Entscheidend ist zudem, dass die Unternehmen bei der Einstellung von Flüchtlingen genügend Planungssicherheit erhalten. Deshalb sollten geduldete Jugendliche, über deren Asylantrag noch nicht endgültig entschieden wurde, in der dreijährigen Ausbildung und den beiden Folgejahren nicht abgeschoben werden dürfen. Das wäre gut – für die Unternehmen und insbesondere auch für die Jugendlichen.

Erhebliche Probleme macht auch die so genannte Vorrangprüfung, d. h. die Klärung der Frage, ob für die Besetzung einer Stelle ein Kandidat mit deutschem oder EU-Pass in Frage kommt. Diese Prüfung kann bis zu 15 Monate dauern, ehe ein Unternehmen die Stelle mit einem Asylbewerber besetzen kann. Das ist unangemessen und entspricht nicht (mehr) der deutschen Arbeitsmarktrealität. Die Vorrangprüfung sollte deshalb ersatzlos gestrichen werden.

Bewusst sein sollte uns überdies, dass wir zwischenzeitlich Spannungen auf dem Arbeitsmarkt in Kauf nehmen müssen. Die Arbeitslosigkeit wird vorübergehend wohl steigen. Denn der Zustrom der Flüchtlinge verläuft zeitlich nicht synchron mit dem Rückgang der Erwerbsbevölkerung: Die Flüchtlingswelle erreicht uns mit großer Wucht in diesem Jahrzehnt, die Fachkräftelücke wird sich zum größeren Teil erst im nächsten Jahrzehnt auftun.

Dennoch bleibt es per Saldo dabei: Die Flüchtlinge sind insbesondere auch eine Chance. Es wird sich auf Dauer auszahlen, sie zügig in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu integrieren. „Wir schaffen das“ hat Kanzlerin Angela Merkel gesagt. Unsere IHK und die gesamte IHK-Organisation wollen mit voller Kraft dazu beitragen.