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 Motiv: © Coloures-pic - Fotolia.com

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Energiewende-Barometer 2016: Weiter auf steinigem Weg


Ende 2015 haben sich in Paris die UN-Mitgliedstaaten auf neue ambitionierte Klimaschutzziele geeinigt. Die globale Erderwärmung soll auf deutlich unter 2 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Niveau begrenzt werden. In Deutschland steht die Energiewende im Zentrum der Bemühungen, ein kernenergiefreies und CO2-armes Energiesystem aufzubauen. Ziel ist es zu zeigen, dass eine Energieversorgung auf Grundlage erneuerbarer Energien nicht nur technisch, sondern auch zu wettbewerbsfähigen Kosten und ohne Abschläge bei der Zuverlässigkeit möglich ist. Nur bei Einhaltung dieses Dreiklangs kann die deutsche Energiewende zu einem Vorbild für den internationalen Klimaschutz werden. Das bisher Erreichte steht deswegen unverändert in der öffentlichen Diskussion. Auch in diesem Jahr hat die IHK-Organisation daher fast 2.200 Unternehmen zu den Risiken und Chancen der Energiewende befragt. Das Ergebnis: Zwar ist die Bewertung der Energiewende weniger kritisch als noch vor Jahresfrist, sie kann die Unternehmen aber auch nicht wirklich begeistern. Allerdings verspürt auch jedes zweite Unternehmen derzeit keinen Einfluss der Energiewende auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit.

Auf einer Skala von -100 bis +100 bewerten die Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit aktuell mit +0,8 und damit erstmals minimal positiv. In den Vorjahren war die Bewertung durchweg negativ (-12,5 in 2012, -10,7 in 2013, -12,8 in 2014, -3,4 in 2015). Zur positiveren Einschätzung haben sicherlich die gesunkenen Preise für Öl, Gas und Fernwärme beigetragen. Fast die Hälfte der Unternehmen musste dafür weniger zahlen. Auch das stabile und für einige Unternehmen sogar gesunkene Preisniveau beim Strom stimmt sie milder. Aber auch wenn die gesunkenen Großhandelspreise Schritt für Schritt bei einigen Unternehmen ankommen, belasten doch weiterhin die über den Strompreis abgewälzten hohen Finanzierungskosten der Energiewende die große Mehrheit der Unternehmen.

Saarland kritischer

Im Gegensatz zum Bund bewerten die Saar-Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende auf ihre Wettbewerbsfähigkeit mit -0,7 etwas kritischer. Noch negativer ist die Sicht der Industrie. Ihr Barometerwert liegt bei -5,0. Aber: Während die Saar-Industrie in 2015 mit einem Barometerwert von -23,1 noch eine besonders gravierende Beeinträchtigung ihrer Wettbewerbsfähigkeit durch die Energiewende konstatierte, hat in diesem Jahr eine deutliche Stimmungsaufhellung stattgefunden. Die überdurchschnittlich energieintensive Industrie im Saarland dürfte jedoch kaum in einem so kurzen Zeitraum grundlegende Veränderungen erfahren haben. Vielmehr wird das weltweit niedrige Preisniveau für Öl und Gas auch hierzulande zu einer Kostenentlastung und in der Folge neutraleren Einstellung gegenüber der Energiewende beigetragen haben. 70 Prozent der Saar-Industrieunternehmen bewerteten daher die Energiewendeauswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit als neutral. Bundesweit fällt dieser Effekt deutlich geringer aus. Der Barometerwert der Industrie in Deutschland stieg von -20,6 in 2015 auf jetzt -13,2.

Während deutschlandweit die Sektoren Bau, Handel und Dienstleistungen die Energiewende inzwischen durchweg neutral bis leicht positiv sehen, fällt im Saarland die Bewertung dieser Sektoren lediglich neutral aus. Wie im Vorjahr auch bleibt damit die Industrie hierzulande weiterhin alleiniger Verlierer der Energiewende, als Gewinner sieht sich keiner der Sektoren.

Chancen und Risiken ungleich verteilt

Die Chancen und Risiken der Energiewende bleiben regional weiterhin deutlich unterschiedlich verteilt. Während Unternehmen im Norden (+6,4) und Süden (+1,9) inzwischen eine positive Bilanz ziehen, fällt die Bewertung im Westen (-2,8) und im Osten (-0,7) weiter negativ aus - wenngleich auch deutlich weniger kritisch als in den Vorjahren.

Wie bereits im Vorjahr zeigt sich in allen Größenklassen ein Trend hin zu einer weniger kritischen Bewertung der Energiewende. Insbesondere bei kleineren Unternehmen ist der Barometerwert in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und liegt inzwischen im positiven Bereich. Offenbar ist bei ihnen die durchschnittliche Energieintensität und damit die Betroffenheit von Energiepreissteigerungen deutlich geringer ist als in den Größenklassen mit 20 und mehr Mitarbeitern. Aus ihrer Sicht überwiegen deshalb die Chancen der Energiewende. Auch der Mittelstand verbessert seine Bewertung, bleibt aber im negativen Bereich. Mit Abstand immer noch am kritischsten, verzeichnen die Großunternehmen die deutlichsten Verbesserungen gegenüber den Vorjahren. Ein Hintergrund für diese Entwicklung ist, dass größere Unternehmen stärker und schneller von den gesunkenen Preisen für fossile Energieträger und Strom profitieren können.

Energiewende kein Exportschlager

Die Energiewende beeinflusst auch die Ausrichtung der Unternehmen im Wettbewerb. Nach wie vor besteht seitens der Politik die Hoffnung, dass Investitionen in die Entwicklung neuer Technologien helfen, im Ausland neue Absatzmärkte zu erschließen. Anders als es der gestiegene Barometerwert erwarten lässt, stagniert aber der Anteil der Unternehmen, die aufgrund der Energiewende neue Absatzmärkte oder Geschäftsfelder erschließen oder in Forschung und Entwicklung investieren. Viele Möglichkeiten für Investitionen liegen aufgrund der rechtlichen und marktlichen Rahmenbedungen noch brach. Besonders enttäuschend: weltweit wird derzeit verstärkt in erneuerbare Energien investiert. Es ist daher zu befürchten, dass sich das teuer erkaufte Know-how „made in Germany“ im internationalen Wettbewerb nicht wie gewünscht durchsetzen wird.

Unternehmen nutzen Einsparpotenziale

Die Unternehmen haben bereits auf vielfältige Weise auf die Energiewende reagiert: Trotz teilweise geringer Energiekostenanteile steigern bereits weit über die Hälfte der Betriebe ihre Energieeffizienz. Drei von vier Unternehmen haben Energieeffizienzmaßnahmen bereits abgeschlossen oder befinden sich in der Umsetzung bzw. Planung von Maßnahmen. Ein knappes Viertel bezieht Ökostrom und ein Viertel hat in eine eigene Energieversorgung investiert oder ist gerade dabei, dies umzusetzen. Die Politik tritt bei manchen Themen aber auf die Bremse (Eigenerzeugung) bzw. hat die Bremse bei anderen noch nicht gelöst (Grünstromvermarktung).

Versorgungssicherheit: Achillesferse Netzausbau

Die Stromversorgungssicherheit ist in Deutschland nach wie vor sehr hoch, das belegt auch der internationale Vergleich. Um aber auch langfristig die Versorgungssicherheit und einen funktionsfähigen Strommarkt in ganz Deutschland und in Europa zu gewährleisten, bleibt der Ausbau der Stromnetze von Nord nach Süd die Kernherausforderung. Bedauerlicherweise sind aber beim Ausbau des Übertragungsnetzes in den vergangenen Monaten nur kleine Fortschritte zu vermelden. Diese Verzögerungen im Netzausbau schlagen sich vor allem in steigenden Kosten für die Netzstabilisierung (Redispatch, EE-Einspeisemanagement, Vorhalten von Reservekraftwerken) nieder. Im vergangenen Jahr haben sich allein die Kosten für den Redispatch auf rund 1 Mrd. Euro erhöht.

Unter den Forderungen der Unternehmen zur Energiewende steht deshalb der Netzausbau mit 78 Prozent der Nennungen wie in den vergangenen Jahren klar an erster Stelle (Vorjahr: 75 Prozent). Im Zusammenhang damit steht auch die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren (58 Prozent) und die bessere Abstimmung politischer Maßnahmen (60 Prozent).

Agenda für die Politik

Die Energiewende ist im Strombereich bereits relativ weit vorangekommen. Ein Drittel des Stromverbrauchs wird bereits durch erneuerbare Energien, vor allem aus Windkraft- und PV-Anlagen, gedeckt. Mit der im EEG 2017 vorgesehenen Ausschreibung der Förderung wird der künftige Ausbau der Erneuerbaren näher an den Markt herangeführt. Aber: Die Energiewende bleibt ein hochkomplexes und teures Projekt. Nachdem die EEG-Umlage in den letzten drei Jahren fast stabil geblieben ist, kündigt sich für 2017 eine deutliche Erhöhung an. Gleichzeitig steigen die Kosten zur Integration des Stroms aus Erneuerbaren in das Netz, die über die Netzentgelte auf die Verbraucher umgelegt werden. Die hohen Stromkosten bleiben daher ein zentrales Thema. Mehr als jeder zweite Betrieb (57 Prozent) spricht sich deshalb für eine Senkung der staatlichen Strompreisbelastungen aus. Große Herausforderungen stehen jedoch auch in den Bereichen Mobilität und Wärme an: Um die langfristigen Ziele zur CO2-Einsparung zu erreichen, sind dort eine weitere Steigerung der Energieeffizienz und eine vermehrte Nutzung erneuerbarer Energien erforderlich.

Die Energiewende darf aber keinesfalls dazu führen, die anhaltende Investitionsschwäche in Deutschland zu verstärken. Die Folgekosten der Energiewende bekommen insbesondere solche Unternehmen stark zu spüren, deren Produkte und Dienstleistungen energieintensiv sind und im harten globalen Wettbewerb stehen. Energieintensive Branchen weisen in den letzten Jahren eine besonders schwache Investitionsentwicklung auf: Seit 2001 liegt die Summe der Abschreibungen über den Investitionen in neue Anlagen. Man lebt von der Substanz und verzehrt diese, ohne sie zu erneuern. Diese, für die Wertschöpfungsketten in Deutschland so wichtigen Branchen, sind auf Entlastungen beim Energie- und Strombezug angewiesen. Die Diskussionen um die besondere Ausgleichsregelung im EEG, die Einschränkung der Abgabenbefreiung der Eigenerzeugung, die Entlastungen bei den Netzentgelten und die beihilferechtliche Vereinbarkeit von Entlastungen bei der Strom- und Energiesteuer mit anderen Entlastungen lassen vor allem energieintensive Unternehmen vor Investitionen in Deutschland zurückschrecken. Der Vertrauensschutz für Investitionen wird Zug um Zug ausgehöhlt, was dem Wirtschaftsstandort Deutschland weit über das Thema Energieversorgung hinaus schadet.

Die Wirtschaft erwartet daher von der Politik für die kommenden Jahre vor allem keine neuen oder steigenden, sondern den Abbau der bestehenden Belastungen. Auch darf die Unsicherheit nicht durch kontraproduktive Diskussionen oder widersprüchliche Zielvorgaben erhöht werden. Nur so lässt sich das Investitionsklima in Deutschland wieder nachhaltig verbessern.




Ihr Anliegen ist unser Auftrag

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