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 Motiv: © Minerva Studio - Fotolia.com

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06.03.2015

Bock auf Erfolg? Eine Anmerkung zum Akademisierungswahn und zu fürsorglichen Eltern

Kolumne
Von IHK-Vizepräsident Wolfgang Herges


Kinder, wie die Zeiten sich doch ändern. Hieß es bis Ende der achtziger Jahre landauf, landab in den Klassenräumen: „Kein Bock auf Schule!“, heißt es heute fast durchgehend: „Kein Bock auf Ausbildung!“. Ob aufgrund falscher Informationen oder medialer Verführung – immer häufiger zieht es unsere Jugend in die Hochschulen. Der Trend ist erschreckend eindeutig: 2013 haben 57 Prozent eines Schulabgängerjahrgangs ein Studium begonnen. Für die duale Berufsausbildung entschieden sich dagegen gerade einmal 30 Prozent. Vor 25 Jahren waren die Verhältnisse genau umgekehrt.

Vor diesem Hintergrund erscheint es geradezu als ein Witz, dass sich gegenwärtig Politiker aus aller Herren Länder bei den Trägern unserer Berufsausbildung die Klinke in die Hand geben. Was jahrzehntelang kritisiert wurde, gilt jetzt weltweit als Heilmittel gegen arbeitslose Akademikermassen! Doch wenn der eingangs beschriebene Negativtrend bei uns anhält, werden wir ausländischen Delegationen bald Berufsschulklassen vorführen müssen, die aus Statisten bestehen – Studenten natürlich, für 8,50 Euro die Stunde.

Berufsorientierung verbessern – Lebenszeitverschwendung vermeiden

Nein, zum Lachen ist das wirklich nicht. Schon gar nicht für uns Unternehmer, die wir auf Fachkräfte angewiesen sind, die Kopf und Hand gebrauchen können. Verkneifen wir uns also die Ironie, schlucken wir den Frust herunter und packen wir zusammen mit unserer IHK die Trendwende an. Dass es hierfür Potential gibt, verdeutlicht u.a. folgende Zahl: Je nach Fachrichtung wechseln zwischen 30 und 60 Prozent eines Studienjahrgangs ihr Studium oder brechen es ab. Die IHK Saarland geht deshalb ab dem kommenden Sommersemester an die Saar-Uni und an die HTW. Regelmäßig wird sie dort Studenten über berufliche Ausbildungsmöglichkeiten informieren und sie beim Wechsel in die Wirtschaft unterstützen.
Doch natürlich müssen wir bereits früher an den Schulen ansetzen und dort überzeugend für eine Karriere mit Lehre werben. Zusammen mit den rheinland-pfälzischen Industrie- und Handelskammern haben wir deshalb eine langfristig ausgerichtete Informationskampagne für die duale Berufsausbildung aufgelegt. Sie wird in Kürze starten. Neben künftigen Schulabgängern werden wir insbesondere deren Eltern gezielt ansprechen. Denn oftmals sind sie es, die ihre Kinder zu einem Studium drängen. Doch so richtig die Einstellung auch ist, dass der Nachwuchs es zu etwas bringen soll, so fragwürdig ist die Bevorzugung der Hörsäle. Tatsache ist: Ein akademischer Titel führt nicht automatisch zu beruflichem Erfolg und gesellschaftlicher Anerkennung. Der Akademisierungswahn muss früher oder später zu einem bösen Erwachen führen. Masse geht eben immer zu Lasten von Klasse – und verdirbt darüber hinaus die Preise. Viele Akademiker müssen sich heute mit Löhnen zufriedengeben, die weit unter Facharbeitergehältern liegen. Ob die fürsorglichen Eltern sich das so vorgestellt haben?

Dass auch untern den Schülern die Bereitschaft vorhanden ist, etwas Handfestes, ja Verwertbares zu erlernen, lässt eine Kurznachricht erahnen, die Anfang des Jahres für Aufregung sorgte. In dieser bekennt eine 17-Jährige: “Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“
Also allen, die keinen Bock haben auf abstraktes Wissen, können wir mit gezielter Aus- und Weiterbildung weiterhelfen. In diesem Sinne zähle ich auch weiterhin auf die saarländische Unternehmerschaft.