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01.11.2008

Den Arbeitsmarkt demografiefest machen!

Von Volker Giersch
Standpunkt


Der demografische Wandel stellt unser Land vor vielfältige Herausforderungen. Bereits im nächsten Jahrzehnt droht eine wachsende Lücke an qualifizierten Arbeitskräften. Der Kern des Problems liegt darin, dass die Zahl der Erwerbspersonen – also der 20- bis 65-Jährigen – in den kommenden zwei Jahrzehnten deutlich sinken wird. Bundesweit um 15 Prozent, hier im Saarland, wo der demografische Wandel früher einsetzt und stärker ausfällt, gar um 20 Prozent. Zeitgleich wird die Gruppe der so genannten „silver agers“, also der Menschen über 65 Jahre, deutlich anwachsen: bis zum Jahre 2030 um rund ein Viertel.

Im Ergebnis bedeutet das zweierlei: Der Nachwuchs an Arbeitskräften wird immer knapper. Und: Immer weniger Erwerbspersonen müssen immer mehr Rentner finanzieren. Um hier eine neue Balance zu finden, ist es nötig, die Rahmenbedingungen in der sozialen Sicherung, auf dem Arbeitsmarkt und in unserem Bildungssystem anzupassen. Konkret müssen wir an mindestens acht Stellschrauben drehen, wenn wir erfolgreich sein wollen.

Mehr Arbeitsjahre im Leben

Bei weiter steigender Lebenserwartung wird es unausweichlich sein, die Lebensarbeitszeit Schritt für Schritt zu verlängern. Mehr Arbeitsjahre im Leben heißt die Formel. Den späteren Eintritt in die Rente hat die große Koalition ja bereits beschlossen. Die „Rente mit 67“ ist ein notwendiger und richtiger Reformschritt. Allerdings muss die Politik dem Druck von links widerstehen, die Reform durch immer weitere Ausnahmeregelungen in ihrer Substanz auszuhöhlen. Und das wird nicht leicht fallen.

Nicht minder wichtig ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass junge Menschen früher mit dem Berufsleben beginnen können. Derzeit erfolgt der Start in den Beruf in Deutschland um rund ein Jahr später als in vielen Konkurrenzländern. Hier müssen wir in den nächsten Jahren gleichziehen. Ein beherzter Schritt in die richtige Richtung war der Übergang auf das achtjährige Gymnasium. Jetzt gilt es, die Bildungseffizienz auch im Hochschulbereich zu verbessern. Der Übergang von Diplomstudiengängen auf Bachelor- und Masterstudiengänge bietet dazu gute Chancen. Er schafft neue Spielräume, die viel zu hohen Abbrecherquoten zu reduzieren und die Studienzeiten auf das international übliche Niveau zurückzuführen. Erste Fortschritte zeichnen sich bereits ab.

Qualitätsoffensive an Schulen fortsetzen

Je weniger junge Menschen es gibt, desto wichtiger wird es, die Talente jedes einzelnen Jugendlichen bestmöglich zu fördern – die theoretischen ebenso wie die praktischen. Die wichtigsten Stichworte dazu lauten:
  • Lernen bereits in den Kindergärten – nicht zuletzt mit dem Ziel, die Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund, aber auch von Kindern aus bildungsfernen Schichten möglichst frühzeitig und gezielt zu verbessern.
  • Herabsetzung des Einschulungsalters: Hier liegt Deutschland gegenüber den meisten europäischen Nachbarländern um etwa ein Jahr zurück. Es bleibt deshalb bei unserem IHK-Vorschlag, die Altersgrenze für die Einschulung in den kommenden zwölf Jahren jeweils um einen Monat nach vorne zu ziehen.
  • Mehr Ganztagsschulen: Denn sie bieten die Chance, die Begabten stärker zu fordern und die weniger Begabten besser zu fördern.
  • Mehr Autonomie für die Schulen, weil Eigenverantwortung und Wettbewerb mehr Qualität bringen.
Die Landesregierung ist mit ihrer Qualitätsoffensive bereits auf einem guten Weg. Sie muss in den nächsten Jahren konsequent Kurs halten. Dies auch mit dem Ziel, die Ausbildungsreife der Jugendlichen weiter zu verbessern. Derzeit ist jeder siebte Jugendliche nicht ausbildungsreif – bundesweit und auch hier im Saarland. Hinzu kommt, dass die Quote der Schulabbrecher mit acht Prozent immer noch viel zu hoch ist. Hier gilt es, energisch gegenzusteuern. Denn beides werden wir uns auf Dauer nicht leisten können.

Attraktive Studienangebote

Handlungsbedarf besteht auch auf der Ebene der Hochschulen. Zwar bieten die Saar-Hochschulen bereits viele attraktive und chancenreiche Studienangebote. Aber es gibt durchaus noch Spielraum für Verbesserungen – sowohl in der Struktur des Angebots als auch in der Qualität. Wenn wir im Wettbewerb um die klügsten Köpfe erfolgreich abschneiden wollen, müssen wir diesen Spielraum nutzen. Dies auch mit dem Ziel, möglichst viele kluge Köpfe von außerhalb ins Land zu locken und sie während ihrer Studienzeit an unser Land zu binden. Bachelorarbeiten und Praktika in saarländischen Unternehmen bieten dazu ebenso die Möglichkeit wie Stipendien und ein verstärktes Engagement der Unternehmen in kooperativen Studiengängen. Auch die neue Studienstiftung Saar kann dazu beitragen.

Was die Palette der Studienangebote betrifft, müssen wir Schwerpunkte dort setzen, wo sich die größten Engpässe abzeichnen. Dazu gehört vor allem die Ingenieurausbildung. Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat gerade erst eine Studie vorgelegt, wonach der deutschen Wirtschaft bereits im Jahr 2020 rund 230.000 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker fehlen werden. Vor diesem Hintergrund ist es richtig und wichtig, dass die Landesregierung – unterstützt durch die Spitzenorganisationen der Saarwirtschaft – die Forschung und Lehre in den Ingenieurwissenschaften deutlich stärken will.

Die Chance G8/G9 nutzen

Im kommenden Jahr werden im Saarland zwei Abiturjahrgänge die Gymnasien verlassen. Die Zahl der Abiturienten wird dadurch um etwa 2.700 steigen. Gut ein Viertel von ihnen wird sich voraussichtlich für eine duale Ausbildung entscheiden. Für unser Land verbindet sich damit die Herausforderung, rund 600 zusätzliche Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Dazu wird ein Kraftakt nötig sein. Doch die Mühe wird sich lohnen. Denn der Doppelabi-Jahrgang bietet eine einmalige Chance, ein Stück weit Vorsorge für die Zukunft zu treffen.

Weiterbildungsoffensive Saar

Wenn weniger junge Menschen von unten in den Arbeitsmarkt nachwachsen, dann brauchen wir eine bessere „Bestandspflege“. Konkret: Wir müssen noch mehr in die Qualifizierung all der Menschen investieren, die bereits in Arbeit sind. Die Stichworte lauten: lebenslanges Lernen, mehr berufsbegleitende Studiengänge, spezifische Weiterbildungsangebote für Ältere und höhere Durchlässigkeit von der beruflichen Bildung zur Hochschulbildung.

Hier möglichst große Fortschritte zu erzielen, ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Land, Wirtschaft und Arbeitnehmern. Deshalb plädiert unsere IHK dafür, einen Weiterbildungspakt Saar zu schließen, in den sich alle wichtigen Akteure einbringen sollten. Der Ausbildungspakt Saar und der Saar-Pakt „50plus“ haben ja eindrucksvoll gezeigt, welche Erfolge sich mit solchen gemeinsamen Initiativen erreichen lassen.

Höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen

Die Erwerbsbeteiligung der Frauen liegt im Saarland – wirtschaftsstrukturell bedingt – unter dem Bundesdurchschnitt. Sie ist zwar in den vergangenen Jahren bereits deutlich gestiegen – von 49 Prozent im Jahr 1995 auf 63 Prozent im Jahr 2006. Aber es gibt weiteren Spielraum nach oben. Immerhin liegt der Bundeswert derzeit noch um über fünf Prozentpunkte über der Saarquote. Ziel sollte es sein, in den nächsten zehn Jahren den Gleichstand zu erreichen.

Das wichtigste Stichwort in diesem Zusammenhang heißt: Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Durch mehr Krippenplätze etwa und eine familienfreundlichere Personalpolitik der Unternehmen. Mit ihrer gemeinsamen Initiative „Arbeiten und Leben im Saarland“ haben Landesregierung und Wirtschaftsorganisationen dazu erst kürzlich einen deutlichen Akzent gesetzt: Unternehmen können sich seit Anfang Oktober bei der ZPT umfassend beraten lassen, wie sie Frauen ein familienfreundliches Arbeitsumfeld bieten können. Und die Entwicklung individueller Konzepte wird finanziell großzügig unterstützt. Das ist einer von vielen Schritten, das Saarland zu einem der familienfreundlichsten Bundesländer zu entwickeln. Und das muss das Ziel sein.

Ältere länger beschäftigen

Mit der „Rente mit 67“ verbindet sich für die Unternehmen die Herausforderung, ältere Arbeitnehmer länger zu beschäftigen – und zwar produktiv und leistungsgerecht. Die Stichworte dazu heißen: Fitnessangebote und Gesundheitsvorsorge, altersgerechte Arbeitsplätze, altersgemischte Teams und kontinuierliche Weiterbildung. In einigen Unternehmen gibt es bereits richtungsweisende Konzepte. Was unsere IHK hier künftig anbieten wird, ist ein Informations- und Erfahrungsaustausch innerhalb der Wirtschaft, damit möglichst viele von den Erfahrungen derer profitieren können, die voranmarschieren.

Offensives Standortmarketing

Eine weitere Chance, das Arbeitskräfteangebot zu mehren, liegt in der Zuwanderung von außen. „Brain gain statt brain drain“ heißt das Ziel. Dabei sollte uns klar sein, dass qualifizierte Fachkräfte auch von anderen Regionen stark umworben werden – bundesweit, europaweit und weltweit. Wenn wir zu den Gewinnern im Wettbewerb um die klugen Köpfe zählen wollen, müssen wir mehr bieten als andere – Arbeitsplätze mit Perspektive, ein leistungsfähiges Bildungssystem und ein attraktives Kultur- und Freizeitangebot. Und: Wir müssen die Vorzüge, die unser Land bietet, künftig noch offensiver nach außen hin kommunizieren.

All das zeigt: Den Arbeitsmarkt demografiefest zu machen, ist eine komplexe Herausforderung. Nur die Regionen, die das Problem möglichst früh und beherzt angehen, werden bei Wachstum und Wohlstand künftig die Nase vorne haben. Im Saarland müssen wir uns dabei besonders anstrengen, weil uns der demografische Wandel stärker trifft als andere. Dieser Nachteil lässt sich wettmachen, wenn wir die Kräfte überall dort bündeln, wo es Sinn macht. Und das ist ja eine der Stärken unseres Landes.