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01.08.2005

Vielfältige Chancen - Bachelor und Master auf dem Vormarsch

Von Volker Giersch
Standpunkt


Die Hochschullandschaft wandelt sich grundlegend – in Europa und auch in Deutschland. Rascher als von vielen erwartet werden die Diplom-Studiengänge durch Bachelor- und Masterstudiengänge abgelöst. Bis 2010 soll die Umstellung abgeschlossen sein. So jedenfalls sieht es die Bologna-Erklärung der europäischen Bildungsminister aus dem Jahre 1999 vor. Die neuen Studiengänge sollen modular aufgebaut sein und nach drei bis maximal vier Jahren zunächst mit einem Bachelor abschließen. Wer sich weiter qualifizieren will, kann in weiteren ein bis zwei Jahren einen Master-Grad erwerben.

Diese Umstellung eröffnet Hochschulen und Studenten neue Spielräume und interessante Perspektiven. Zugleich sorgt sie für einen intensiveren Wettbewerb zwischen den Hochschulen. Im Zuge des Bologna-Prozesses soll sich Europa zum „dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum“ der Welt entwickeln.

International kompatibel

Keine Frage: Die neuen Studiengänge sind eine schlüssige Antwort auf die fortschreitende Internationalisierung der Wirtschaft. Sie vermitteln den Studenten, was die Unternehmen zunehmend nachfragen: Sprachkompetenz, interkulturelle Kompetenz, Praxisorientierung und fachübergreifende Schlüsselqualifikationen. Die Abschlüsse sind international anerkannt und kompatibel.

Das System Bachelor/Master schafft überdies die Möglichkeit, Studienphasen im In- und Ausland bruchstellenfrei miteinander zu verbinden. Modular aufgebaute Studiengänge und ein System von europaweit gültigen Leistungspunkten (ECTS) gewährleisten die Vergleichbarkeit von Studienleistungen und den problemlosen Wechsel von einer Hochschule zur anderen.

Die neuen Abschlüsse eröffnen damit auch die Chance, künftig wieder mehr ausländische Studenten an deutschen Hochschulen auszubilden – etwa über attraktive (englischsprachige) Masterstudiengänge. Diese Chance sollten wir nutzen, nachdem Deutschland auf dem internationalen Bildungsmarkt zunehmend ins Abseits geraten ist: Der Anteil von Ausländern, die in Deutschland studieren, liegt zurzeit mit 4,5 Prozent auf einem beschämend niedrigen Niveau. Dem Exportweltmeister stünde es gut an, sich künftig wieder stärker an der Ausbildung junger Führungseliten aus dem Ausland zu beteiligen. Das neue System schafft die Grundlage dafür.

Fachlich und zeitlich flexibel

Von Vorteil ist auch, dass die neuen Studiengänge dank ihres modularen Aufbaus ein hohes Maß an fachlicher Flexibilität bieten. Sie machen es problemlos möglich, Bachelor- und Masterstudiengänge verschiedener Fachrichtungen miteinander zu kombinieren und damit der wachsenden Nachfrage nach interdisziplinärem Wissen und nach einer entsprechenden Hochschulausbildung Rechnung zu tragen.

Größer wird die Flexibilität aber auch in zeitlicher Hinsicht. Es wird möglich, zwischen Bachelor- und Masterstudium Phasen der Berufstätigkeit einzuschieben. Junge Menschen, die zunächst nur den Bachelor machen, können nach einigen Jahren im Beruf künftig problemlos einen Masterstudiengang anschließen – ohne all jene Anrechnungsprobleme, die heute entstehen, wenn ein Fachhochschulabsolvent später ein Universitätsstudium anschließen möchte. Die Stufung Bachelor/Master wird zudem dazu beitragen, die Studienzeiten zu verkürzen und die Abbrecherquote zu vermindern.

Gute Akzeptanz auf dem Arbeitsmarkt

Auf dem Arbeitsmarkt kommen Bachelor- und Masterabsolventen inzwischen ähnlich gut unter wie die Absolventen herkömmlicher Studiengänge. Zwar besteht vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen noch eine gewisse Unsicherheit, wie der Bachelorabschluss im Vergleich zum Fachhochschul- oder Universitätsdiplom einzuordnen ist. Doch nimmt diese Unsicherheit durch erste positive Erfahrungen mit Absolventen und gezielte Information (auch durch IHKs) von Jahr zu Jahr ab.

Angebot wächst rapide

Unübersehbar ist, dass das Angebot an Bachelor- und Masterstudiengängen rapide wächst. Mehr als jeder vierte Studiengang ist bereits umgestellt. Und der Umstellungsprozess gewinnt zunehmend an Tempo und Breite.

Doch es melden sich auch kritische Stimmen – insbesondere zum Bachelor. Sie kommen vornehmlich von den Universitäten und warnen davor, künftig statt wissenschaftlicher Exzellenz nur noch „ Schmalspur-Akademiker“ und „Dünnbrettbohrer“ auszubilden. Einzuräumen ist, dass überall dort, wo das Studium heute zunächst ein breites theoretisches Fundament schafft, ein radikaler Umbau der Curricula nötig ist. Doch zeigen die Erfahrungen aus vielen Ländern, dass sich auch in einem gestuften Studium qualifizierte Wissenschaftler ausbilden lassen. Weltweit führen immerhin 90 Prozent aller Studiengänge zunächst zum Bachelor-Abschluss. Zudem besteht ja für eine Zeit lang noch die Möglichkeit, Diplomstudiengänge parallel anzubieten und über den Markt zu testen, welches Angebot die größere Akzeptanz findet.

Rasch umstellen!

Alles in allem sind die Hochschulen gut beraten, möglichst rasch attraktive Bachelor- und Masterstudiengänge anzubieten. Je früher sie dies tun, desto besser sind die Chancen, sich aussichtsreich im nationalen und internationalen Wettbewerb zu positionieren.

Und dieser Wettbewerb wird härter – schon deshalb, weil Universitäten und Fachhochschulen in direkte Konkurrenz zueinander treten. Die Schutzmauern zwischen ihnen fallen. Jeder einzelne Bildungsanbieter muss sich mit Bachelor- und Master-Programmen individuell neu profilieren und am Markt durchsetzen.

„Rasch umstellen“ heißt deshalb auch die Empfehlung an die saarländischen Hochschulen. Unsere Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) ist da schon relativ weit. Sie bietet bereits 13 Bachelor- und 7 Masterstudiengänge an. Auch an der Saar-Uni ist die Umstellung in Gang gekommen. Hier gibt es zurzeit 7 Bachelor- und 9 Masterstudiengänge. Die Informatik und die Mathematik sind die Vorreiter. Weitere Angebote sollten rasch folgen.

Dabei ist zu beachten, dass die neuen Abschlüsse einen breiten Spielraum für Kooperationen eröffnen – für Kooperationen zwischen Uni und HTW aber auch zwischen Hochschulen und Wirtschaft. Berufsbegleitende Masterstudiengänge etwa bieten neue Möglichkeiten, die Mitarbeiter durch Weiterbildung zu fördern und an das Unternehmen zu binden. Und die Hochschulen können an Attraktivität gewinnen, wenn sie ihre Studienangebote aufeinander abstimmen und miteinander verzahnen. Es wäre gut, diese Chancen im Saarland frühzeitig und offensiv zu nutzen.