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01.03.2006

„Forever young“: Fit bis siebzig?!

Von IHK-Präsident Dr. Richard Weber
Kolumne


„Sie sollten, da sie doch keinen Nutzen mehr der Erde bringen, sterben und fortgehen und den Jungen nicht mehr im Wege stehen.“ Euripides, griechischer Dramatiker, 480 – 406 v.u.Z.

Der Spezialist für kurze Sätze hat kurzen Prozess gemacht. Gut so. Denn zu oft in der Vergangenheit war die Politik zu zaghaft, zu zögerlich, zu wankelmütig. Jetzt hat Arbeitsminister Franz Müntefering gezeigt, dass es auch anders geht. Binnen Tagen hat er die raschere Einführung der Rente ab 67 im Kabinett couragiert durchgesetzt. Und das gegen eine breite Stimmung in der Bevölkerung und beim tonangebenden Boulevard. Das lässt hoffen für die weiteren Reformprojekte der großen Koalition.

In der Sache ist die Verlängerung der Lebensarbeitszeit ohne Einschränkungen zu begrüßen - vor allem in finanzieller Hinsicht. Das Hinausschieben des Rentenbeginns kommt den Rentenkassen nämlich gleich doppelt zugute: Die Einnahmen steigen durch die längeren Beitragszeiten und gleichzeitig sinken die Ausgaben. Denn wer länger arbeitet, bezieht anschließend für eine kürzere Ruhezeit Rente.

Doch auch mit Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen spricht einiges für eine längere Lebensarbeitszeit. Derzeit gehen Arbeitnehmer im Schnitt mit sechzig Jahren in den Ruhestand. Nur zwei Fünftel der 55- bis 64-Jährigen sind noch erwerbstätig. Nicht alle Frührentner sind freiwillig zu Hause; viele fühlen sich sogar als Opfer einer fatalen Frühverrentungspolitik und des Jugendwahns. Die Rente mit 67 setzt hier einen Kontrapunkt. Sie signalisiert: Ihr werdet gebraucht. Euer Erfahrungswissen ist schon bald unentbehrlich.

Aber ist die längere Lebensarbeitszeit nicht ein Raub am verdienten Ruhestand? Wer heute in Rente geht, lebt im Schnitt noch siebzehn Jahre und damit sieben Jahre länger als ein Rentner vor 40 Jahren. Das Ende der Fahnenstange ist damit noch lange nicht erreicht. Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich und scheinbar unaufhaltsam weiter. Jedes Jahr gewinnen wir zwei Monate Lebenszeit. Ohne uns dessen bewusst zu sein, befinden wir uns mitten in einer Lebenszeitrevolution. Jedes zweite Mädchen, das heute eingeschult wird, hat eine Lebenserwartung von 100 Jahren, jeder zweite Junge wird mit großer Wahrscheinlichkeit 95.

Die Menschen werden jedoch nicht nur älter, sondern auch gesünder älter – körperlich und mental. Die neuen Alten sind nicht mehr die alten Alten. Nehmen wir nur die jetzt vor dem Ruhestand stehende Generation. Sie ist in den rebellischen 60er Jahren zwischen Rock´n´Roll und Mondlandung groß geworden. Getreu dem „Forever-Young“-Traum von damals weigert sie sich heute, alt zu werden. Und so mancher aus dieser Generation ist tatsächlich fitter und vitaler als viele 20jährige. Zu Recht sehen sich diese jungen Alten als „Best Agers“. Die Ironie der Geschichte will es aber auch, dass sie jetzt beweisen müssen, wie ernst ihre Solidaritätsschwüre von einst sind. Ihre wenigen Enkel werden es ihnen danken.