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01.09.2011

Wachstum durch Innovation - Innovationsstrategie gezielt weiterentwickeln

Standpunkt
von Volker Giersch


Innovationen sind der wohl wichtigste Wachstumstreiber in hochentwickelten Volkswirtschaften. Das belegen internationale Vergleiche eindrucksvoll. Sie zeigen, dass Länder und Regionen mit hoher Innovationsdynamik in aller Regel auch höhere Wachstumsraten aufweisen. Für eine Politik, die auf nachhaltiges Wachstum zielt, bedeutet das: Sie muss mit Priorität dafür Sorge tragen, dass das Innovationsklima stimmt, dass das Bildungssystem den Forschergeist und die Kreativität der Menschen fördert, dass es leistungsfähige Forschungseinrichtungen gibt und dass der Rechtsrahmen und das Steuersystem innovationsfreundlich sind.

Das Saarland ist im Innovationswettlauf der Regionen insgesamt nicht schlecht aufgestellt. Die Forschungslandschaft ist attraktiv und weist insbesondere in den Bereichen Informatik/Künstliche Intelligenz, Nanotechnologie, biomedizinische Technik, zerstörungsfreie Prüfverfahren und pharmazeutische Biotechnologie eine weit überregionale Strahlkraft auf. Auch die Wirtschaft verfügt über eine beachtliche Innovationsdynamik: Zahlreiche Unternehmen und Produktionsstätten punkten auf den Weltmärkten mit Spitzentechnologie und zählen in ihren Produktionssegmenten zu den Marktführern. Weithin bekannte Beispiele dafür sind die Automatikgetriebe von ZF, die Einspritztechnik von Bosch, die Hydraulik- und Pneumatiksysteme von Hydac und Festo, die Dialyse-Technik von Fresenius und natürlich auch die in Saarlouis hergestellten Fahrzeuge von Ford. Aber auch im Mittelstand finden sich hierzulande viele „hidden champions“ – kleine und mittlere Unternehmen, die in ihren Marktnischen zu den Technologieführern zählen. Bemerkenswert ist – und das gilt völlig unabhängig von der Unternehmensgröße: Es sind gerade die Unternehmen der „old economy“, die mit hoher Technologiekompetenz glänzen. Dazu zählt nicht zuletzt auch die Stahlindustrie, die mit ihren Hightech-Stählen weltweit erfolgreich ist.

Anreize für Ausbau der „Leitwerke“ schaffen

In Kontrast zu diesem positiven Bild stehen die einschlägigen Kennziffern der amtlichen Statistik: Bei der Zahl der Patentanmeldungen etwa belegt unser Land nur Rang 10 im Reigen der 16 Bundesländer. Beim Anteil des Personals, das die Unternehmen in Forschung und Entwicklung einsetzen, sieht es nicht viel besser aus. Wie passt das zusammen? Ganz einfach: Es hat zu tun mit der Struktur unserer Industrie – nicht mit der Branchenstruktur, sondern mit dem hohen Anteil an Zweigwerken und Tochterunternehmen, der unsere Industrie prägt. Charakteristisch für diese Produktionsstätten ist, dass sie hier im Land zwar mit modernsten technischen Anlagen produzieren, aber nur in begrenztem Umfang Aufgaben in Forschung und Entwicklung wahrnehmen: ZF beispielsweise forscht und entwickelt ganz überwiegend in Friedrichshafen und Renningen, Ford in Köln, Bosch in Abstatt, Festo in Esslingen. Und selbst das, was an Patentfähigem an den saarländischen Standorten entwickelt wird, wird meist andernorts – am Stammsitz des Unternehmens – zum Patent angemeldet. Dort geht es auch in die Statistik ein.

Strukturbedingt ist die Innovationskraft, die das Saarwachstum treibt, also nur zum Teil originär saarländisch. Das ist einerseits zu bedauern, weil hochwertige Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung fehlen. Es wirkt sich andererseits aber keineswegs negativ auf Wachstum und Beschäftigung aus. Im Gegenteil: Gerade die Zweigwerke und Tochterunternehmen waren in den vergangenen Jahrzehnten Garanten für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes. Viele von ihnen haben sich dank ihrer Spitzenposition bei Produktivität und Produktionstechnik zu „Leitwerken“ in ihrem Unternehmensverbund entwickelt. Und diese positive Tendenz hält weiter an.

Die mittelständische Industrie forscht und entwickelt überwiegend hier im Land – gelegentlich auch im Verbund mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Aber sie stellt im Saarland nur rund ein Viertel der industriellen Arbeitsplätze. Insofern gilt mit Blick auf den Mittelstand: Es stimmt die Klasse, aber es mangelt noch an Masse.

Aus diesem Befund leiten sich dann auch die zentralen Ansatzpunkte für eine auf Innovation zielende Wirtschaftspolitik im Land ab. Zum einen gilt es, wirksame Anreize dafür zu schaffen, dass den saarländischen Zweigwerken und Tochterunternehmen zusätzliche Aufgaben in Forschung und Entwicklung übertragen werden. Das würde zugleich dazu beitragen, die Stellung dieser Betriebe im Unternehmensverbund zu festigen und sie noch enger an den Standort Saarland zu binden. Zum anderen muss es Ziel sein, die Innovationskraft der heimischen mittelständischen Unternehmen weiter zu stärken und ein günstiges Umfeld für die Gründung neuer Technologieunternehmen zu schaffen.

Innovationskraft im Mittelstand stärken

Unstrittig sollte dabei sein, dass eine Innovationsoffensive breit angelegt sein muss, wenn sie nachhaltigen Erfolg bringen soll. Beginnen sollte sie bereits in den Kindergärten und Schulen, wo es darauf ankommt, die Neugier, den Forscherdrang und die Kreativität unserer Kinder bestmöglich zu fördern, Begeisterung für Technik zu entfachen und zu erhalten. Danach müssen Politik und Hochschulen dafür Sorge tragen, dass jene Kunst und Fertigkeit nicht verkümmert, die die heimische Industrie in den vergangenen Jahrzehnten stark gemacht hat: die Ingenieurkunst. Wir brauchen hier im Land – auch in Zeiten knapper Kassen – starke Natur- und Ingenieurwissenschaften. Denn die Verfügbarkeit qualifizierter Ingenieure entscheidet mehr denn je über die Wachstumschancen unserer regionalen Wirtschaft und prägt zunehmend die Attraktivität des Standortes für die technologieorientierte Industrie. Die vier Stiftungsprofessuren, die Wirtschaftsministerium, ME Saar und IHK derzeit im Bereich Mechatronik finanzieren, sind insofern ein wirksamer Beitrag zur Stärkung des Industriestandortes Saarland.

Was für die Lehre gilt, sollte auch für die Forschung gelten – gerade auch mit Blick auf die Weiterentwicklung der außeruniversitären Forschungsinstitute. Zwar leisten diese Institute in der Forschung Beachtliches. Doch weisen ihre Forschungsschwerpunkte bislang eher geringe Schnittflächen mit den Technologieschwerpunkten unserer Wirtschaft auf. Kooperationen und Projekte mit saarländischen Unternehmen sind deshalb eher selten. Impulse kommen vorwiegend über Spin-offs, die bei aller Innovationsstärke meist nur geringe Beschäftigungseffekte haben.

Eine stärkere Orientierung der Wissenschafts- und Forschungslandschaft an den industriellen Schwerpunkten und an den strukturpolitischen Zielen des Landes ist deshalb wünschenswert. „Entscheidend ist, welche wissenschaftliche Infrastruktur wir als Bundesland, als Wirtschaftsstandort und als Forschungsstandort für unsere weitere Entwicklung brauchen“, sagte Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Regierungserklärung. Dem ist voll und ganz zuzustimmen. Der Aufbau des Zentrums für Mechatronik und Automatisierungstechnik (ZeMA) und die Erweiterung des Saarbrücker Fraunhofer Instituts um das Innovationscluster „automotive“ sind in diesem Sinne Schritte in die richtige Richtung.

Mit Blick auf die finanzielle Innovationsförderung gilt es, die Instrumente des Landes gezielt weiterzuentwickeln. Aufgrund der Sparzwänge sind Abstriche zwar auch hier unvermeidbar. Doch müssen die bewährten Instrumente – die Förderprogramme des Landes und die Finanzierungsangebote von SIKB, Bürgschaftsbank und Wagnisfinanzierungsgesellschaft – im Kern erhalten bleiben. Ansonsten würde die saarländische Wirtschaft gegenüber ihrer Konkurrenz in anderen Ländern ins Hintertreffen geraten. Zurzeit ist unser Land in diesem Segment der Innovationsförderung gut aufgestellt. Das muss auch in Zukunft so bleiben.

Kräfte bündeln

Nicht minder wichtig sind die vielfältigen Informations- und Beratungsdienste für den Mittelstand. Hier macht es Sinn, an der langjährigen und engen Kooperation des Landes mit den Organisationen der Wirtschaft festzuhalten und diese – wo möglich – weiter zu stärken. Für diese Kooperation steht etwa die Zentrale für Produktivität und Technologie (ZPT), die im Wesentlichen von Landesregierung und IHK getragen und finanziert wird. Während andernorts Institutionen des Staates, Innovationsberater von Kammern und Verbänden und auch das RKW (Rationalisierungs-Kuratorium der Deutschen Wirtschaft) miteinander konkurrieren, bieten wir den Unternehmen hier im Land einen Full Service aus einer Hand. Das spart dem Land Ressourcen und den Unternehmen unnötige Wege. Unsere IHK wird sich in der Innovationsförderung weiterhin stark engagieren.

Wirtschaft und Forschung vernetzen

Richtig ist und bleibt auch der Ansatz, Netzwerke in ausgewählten Branchen und Technologiefeldern aufzubauen. Mit relativ bescheidenem Aufwand lässt sich so der Informationsfluss innerhalb der Wirtschaft, aber auch zwischen Forschung und Wirtschaft verbessern. Das schafft die Grundlage für Kooperationen, Verbundprojekte und gemeinsame Initiativen – etwa beim Marketing, in der Weiterbildung und künftig wohl auch bei der Rekrutierung von Fachkräften. In diesem Sinne gilt es, die Branchenforen und Netzwerke, die von IHK und ZPT betreut und vom Wirtschaftsministerium gefördert werden, fortzuführen und gezielt auszuweiten. Zugleich sollte – intensiver noch als bisher – sondiert werden, welche Beiträge saarländische Unternehmen und Forschungseinrichtungen zu bundes- und europaweiten Projekten und Ausschreibungen leisten können – einzeln oder besser noch im Rahmen von Verbundprojekten.

Die Grundlage und den konzeptionellen Rahmen für die Innovationsförderung sollte weiterhin die Innovationsstrategie des Landes bilden. Nach einer ersten Phase, in der die Informationstechnologie und die Nanotechnologie einseitig im Vordergrund standen, liegt der Fokus seit 2005 auf der Stärkung der Innovationskraft in der Breite der Branchen. Impulse werden seither auch dort gesetzt, wo unsere Industrie Schwerpunkte hat: in der Produktions- und Automatisierungstechnik, im Fahrzeugbau und in der Medizintechnik etwa. Das ist gut so.

Worauf es jetzt ankommt, ist die Innovationsstrategie behutsam weiter zu entwickeln und sie mit Blick auf die begrenzten finanziellen Möglichkeiten des Landes zukunftsfest zu machen. Vordringlich ist es dabei, für die wirtschaftlich relevanten Bereiche der Hochschulen langfristig tragfähige Konzepte zu entwickeln und den Kern der mittelstandsorientierten Innovationsförderung finanziell abzusichern. Je früher beides gelingt, desto besser.